Deutschland guckt die Tagesschau
Wie würden Sie jemandem Deutschland vorstellen, der die Bundesrepublik nicht kennt? Als Bier-Paradies? Als Autobahn-Land? "Deutschland, das ist Merkel, Guttenberg und Soldaten", würde sicherlich niemand sagen - außer die Tagesschau am Freitagabend.
"Deutschland hat heute offiziell Abschied genommen von drei in Afghanistan getöteten Soldaten", sagt die Sprecherin Judith Rakers. Nein, hat Deutschland nicht. Deutschland kann nämlich gar nichts, Deutschland ist ein Staat. Abschied genommen haben die Bundeswehr, die Bundesregierung und die Angehörigen.
Nun wird im Journalismus manchmal eine Regierung durch die Hauptstadt ersetzt: "Moskau fordert dieses und jenes." Das ist eingebürgert und ziemlich eindeutig. Falsch wird es jedoch, wenn ein ganzes Land plötzlich die Regierungsposition einfordert: "Russland pocht auf ..." Was die Oppositionellen oder andere Gruppen in der Gesellschaft wollen, geht nun unter. Und gerade im militärischen Kontext ist das Gleichsetzen von Regierung oder Armee mit der gesamten Gesellschaft reine PR. "Ich verneige mich vor ihnen, Deutschland verneigt sich vor ihnen", hat Merkel auf der Trauerfeier gesagt, und schon bei der Kanzlerin ist es absurd, wenn sie sich mit Deutschland gleichsetzt. Journalisten sollten diese Perspektive aber nicht auch noch übernehmen. Dass dies hier geschehen ist, daran ändert auch das Wörtchen "offiziell" im Satz nichts. Tatsächlich sieht "Deutschland", beziehungsweise 81 Prozent der Bundesbürger laut der letzten Umfrage, den Afghanistan-Einsatz außerdem eher skeptisch.
Deutschland zu personifizieren, das war bislang eigentlich der Job der Bild-Zeitung.