Bei dieser Konferenz über Social Media haben fast alle meine Vorredner über Journalismus gesprochen, der sich mit Social Media verändert. Dabei ging es eigentlich um Krisenkommunikation im Tourismus. Toll. Das war mein Thema. Ich sollte als Journalist doch erzählen, wie Social Media die journalistische Arbeit verändert. Doch da sind wir schon mitten drin: Die neuen technischen Möglichkeiten können aus jedem einen Reporter machen, zum Verbreiten von Nachrichten braucht man keine Druckerpresse mehr. Ich habe dann trotzdem was gesagt — das hier.
Social Media macht die Journalisten nackig.

Nur der Journalist konnte einst Nachrichten verbreiten, alle gesellschaftlichen Akteure waren auf sie angewiesen. Niemand hatte eine Fernsehstudio im Keller. Das ist passé. Die Menschen erkennen, dass der journalistische Anspruch beim reinen Weiterleiten von Material aus den Nachrichtenagenturen gering ist.
Früher war der Korrespondent der Held, er berichtete wagemutig aus den Krisengebieten dieser Welt. Die Wahrheit war und ist oft, dass die Libyen-Berichterstattung aus Kairo kommt, die Gaza-Berichte aus Tel Aviv. Gähn.
Heute: Mubarak verspricht, in ein paar Monaten vielleicht zurückzutreten. Der Fernseh-Korrespondent sagt in den Spätnachrichten sinngemäß: Und da hören wir den Jubel, die Leute freuen sich, dass der Diktator in ein paar Monaten vielleicht zurücktritt.
Gutjahr — Journalist und Blogger — ist auf dem Tahir-Platz und berichtet mit seinem iPhone. Er hört, dass die Menschen wütend sind. Schreie der Wut. Er sieht, dass sie ihre Schuhe zeigen. Das ist keine Freunde. Und er berichtet darüber — live. Handgemachter Journalismus.
Fakten kann jeder googlen, alte Autoritäten sind nicht mehr automatisch Autoritäten. Stattdessen läuft viel über Relevanz und Einfluss und Reputation und Image.
Twitter ist individuelle Massenkommunikation.
Twitter ist mehr als ein Diffusionskanal. Es ist ein „individueller strukturierter Diskursraum für Themen öffentlicher und teilöffentlicher Relevanz" (
Studie der Uni Wien, April 2011).
Der Artikel über die Bundestags-Debatte zur Reform des Versicherungsrechts für Traktorenreifen — das interessiert fast niemanden — findet endlich sein Publikum. Und: Die Organisation tritt hinter den einzelnen Kommunikator. Oder er löst sich gar (
@gutjahr). Der Einzelne als Marke.
Andy Carvin alias @acarvin ist der Mr. Kuratierung. Er macht es vor, wie Journalisten auch berichten können, meist einfach nur durch einordnende Retweets. So gibt er seinen Followern alle wichtigen Infos zur arabischen Revolution. Wer ihn als Multiplikator erreichen will, kann Infos per @acarvin zuliefern. Eine Person als Informationshub. Und zwar nicht, weil er zufällig an den technischen Produktionsmitteln Fernsehstudio oder Druckerpresse sitzt, sondern weil er's kann. Und nur für die, die es interessiert.
Social Media verändert den Journalismus: Alles wird besser.
1) Keiner ist so schnell wie die Menschen. Augenzeugen mit Smartphones sind neue Quellen neben Nachrichtenagenturen. Auch ihr Monopol wird gebrochen — let's call it breaking news agencies. Irgendwer ist immer ein Augenzeuge. Die Journalisten werden nie wieder die Ersten sein. Get used to it.
Ein Beispiel: Am Kongressmorgen, Dienstag, war
#spanishrevolution ein Trending Topic, sogar für deutsche Twitterer. Die ersten Meldungen über Proteste in Spanien lieferten die Agenturen erst Stunden später: AFP um 22.05 Uhr, "Demonstration in Madrid für politische und soziale Reformen", DPA um 23.42 Uhr, "Tausende Spanier demonstrieren für soziale Reformen". Die baskische Regierung versucht, darauf zu reagieren,
und benutzt dieses Tool, um Nachrichten zu erkennen, bevor sie zu offiziellen Nachrichten werden. Es wertet Tweets im Baskenland aus, bei vielen Retweets und Tweets zum Thema bekommt die Lokalregierung eine E-Mail, und der Begriff auf der Karte erscheint rot.
3) Ein Journalist kann mit Social Media seine Authentizität erhöhen und transparenter arbeiten. Seine Quellen legt er mit Links offen. Sein Social Circle und seine Peer Groups werden öffentlich. Social Media funktioniert in Teilen als Relevanzmesser. Und als Rückversicherungskanal: Irgendwer wird mir schon sagen, wenn ich die Söhne Ghaddafis verwechsele.
Social Media verändert den Journalismus: Alles wird schlechter.
1) Social Media ist die Verlagerung des Augenzeugen-Dilemmas ins Internet. Augenzeugen sind toll, bringen aber auch Probleme mit sich. Manche sind Wichtigtuer, andere schlecht informiert, einige haben eine hidden Agenda, manchmal sind sie traumatisiert, oder Stille Post verfälscht den Bericht. Außerdem: Jeder kann jetzt Augenzeugen finden, und als Journalist muss man sie erstmal finden.
2) Bei der Suche nach Augenzeugen werde ich scheitern. Denn ich suche Augenzeugen von Ereignissen, von denen ich nicht weiß, dass sie stattgefunden haben. Ich werde nie sieben Milliarden Menschen zuhören können. I will miss stories. Das muss man akzeptieren. Der Stream, der Nachrichtenfluss
bedingt den Kontrollverlust. Filtern ist toll, wird aber fehlgeschlagen. Irgendwas ist ja immer. Too Much Input. Too Much Information. Too Many Voices.

3) Die Druckerpresse ist zwar weg, aber wir sind trotzdem abhängig von technischer Infrastruktur. Wenn der Kill Button das Internet nicht lahm legt: Roaming is killing me.
Verifizieren.
Woher weiß ich, ob ein Twitterer lügt? Die Frage ist im Kern alt: Woher weiß ich, dass mich jemand am Telefon belügt?
Neue Fragen: Wer hat das Youtube-Video hochgeladen? Zeigt es wirklich eine Häuser-Ecke in Teheran? Sind es Bilder von gestern oder von vor zwei Jahren? Was rufen die da auf Persisch, die Qualität ist so schlecht? Man kann sich auch nicht blind auf Agenturmaterial verlassen. Und das ist auch gut so. Wie kann ich die Seriosität eines Twitterers einschätzen? Seinen Einfluss?
The bottom line
Social Media hält Einzug in die Medien. Und das hier ist ein tolles Foto.

Das ganze in Slides: